"Ich bin ein altes Schlachtross"

Klaus Wiesehügel

© IG BAU

Interview mit Klaus Wiesehügel

Der Bundesvorsitzende der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), gibt im Interview mit der ASG-Zeitschrift „Ländlicher Raum” Auskunft über seine neue Rolle als Gewerkschaftsvertreter in den Tarifverhandlungen Landwirtschaft, die Aufgaben der IG BAU im landwirtschaftlichen Strukturwandel und über die zunehmende Internationalisierung

Herr Wiesehügel, Sie sind seit dem Ausscheiden von Hans-Joachim Wilms aus dem Bundesvorstand der IG BAU für den Bereich Landwirtschaft zuständig. Welche Verbindungen haben Sie zu dem Sektor?

Wiesehügel: Ich komme großväterlicherseits aus bäuerlichen Verhältnissen und habe auch immer einen Hang dazu gehabt. Ich wohne sehr ländlich und fühle mich im Dorf ausgesprochen wohl. Mich interessieren schon immer der Wandel der Jahreszeiten und die jeweiligen landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Nach dem Abschied von HaJo Wilms haben wir die tarifpolitischen Zuständigkeiten neu eingeteilt. Für die Landwirtschaft brauchen wir einen erfahrenen Tarifpolitiker, und mit viel Erfahrung in diesem Geschäft kann ich dienen. Ich habe 15 Jahre lang die Tarifverhandlungen in der IG BAU geleitet und bin daher ein altes Schlachtross im Tarifgeschäft.

Sie gelten in der Öffentlichkeit nicht als Mann der leisen Worte. Müssen sich die Arbeitgeber im Agrarbereich auf einen neuen Umgangston einstellen?

Wiesehügel: Natürlich muss ich mir als Gewerkschaftsvorsitzender hin und wieder Gehör verschaffen. Das geht nun mal nicht ohne eine gewisse Lautstärke. In den Tarifverhandlungen ist das etwas anderes. Gerade im Baubereich haben wir in den letzten 15 Jahren viel erreicht, und zwar ruhig und sachlich und ohne viel Brimborium. Da nutzen einer Branche hier und da auch gute Verbindungen in die Politik. Das kann auch für die Landwirtschaft hilfreich sein. Das muss ja nicht alles von Raketen und Böllerschüssen begleitet werden.

Wie würden Sie Ihren Verhandlungsstil charakterisieren, auch gegenüber Ihrem Vorgänger?

Wiesehügel: Ich weiß, dass HaJo Wilms sehr viel still und ruhig gemacht hat und viel über seine Verbindungen und seine Anerkennung in der Branche erreicht hat. Allerdings war es auch für ihn nicht immer leicht, die Ergebnisse im Vorstand zu verteidigen. Ich werde eigene Akzente einbringen und möglicherweise hier und da auch sehr deutliche Worte finden, wenn es der Sache dient. Voraussetzung für eine erfolgreiche Tarif- und Branchenpolitik ist zu erkennen, warum vertritt mein Gegenüber diese oder jene Position. Agiert jemand aus einem Gefühl der Stärke heraus und lässt überhaupt gar nichts anderes zu? Oder ist seine Position wirklich getragen von der Verantwortung gegenüber einer Branche? Wenn das so ist und man erkennt, dass die Dinge gar nicht viel anders gehen, dann findet man auch sehr schnell einen gemeinsamen Weg. Wenn nicht, wird’s schwierig.

Ihre aktuelle Tarifforderung von gut 5 % hat für Diskussionen gesorgt. Der letzte Abschluss sah eine Lohnerhöhung von 3,8 % vor und noch einmal 3,3 %. Damals gab es gerade diesen Höhenflug an den Agrarmärkten und auch in den Einkommen. Jetzt haben wir ein Einkommensminus von 25 %. Passen da 5,3 % in die Zeit?

Wiesehügel: Eindeutig ja, Verdi hat gezeigt, dass ein zufriedenstellender Abschluss auch in der Krise und bei knappen Kassen in dem Fall der öffentlichen Hand möglich ist. Ich sehe sehr wohl, dass es vor allem bei den kleinen, mittelständischen Produzenten in der Landwirtschaft Probleme gibt. Ich denke nur an die Milcherzeugung. Aber wir wissen natürlich auch, dass es auf der anderen Seite auch Betriebe gibt, die nach wie vor recht erfolgreich arbeiten Die Beschäftigten in der Landwirtschaft befinden sich weiß Gott nicht am oberen Ende der Einkommensskala sondern sind eher im unteren Bereich angesiedelt. Gleichzeitig gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was im Tarifvertrag steht, und den tatsächlichen Löhnen, die gezahlt werden. Da ist noch einiges an Luft. Das werden wir den Arbeitgebern klar machen müssen. Wir müssen uns die Struktur der Tarifverträge anschauen und analysieren, was können wir tun in Bereichen mit sehr niedrigen Löhnen und wie müssen wir die Bedingungen für Qualifizierte verbessern.

Klaus Wiesehügel steht seit 1996 an der Spitze der aus der Fusion der Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden (IG BSE) und der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft (GGLF) hervorgegangenen IG BAU. Der 56-jährige gelernte Betonbauer stammt aus Mühlheim/Ruhr. Seit Mitte der 70er Jahre hatte Wiesehügel verschiedene Funktionen in der Baugewerkschaft inne. Von 1998 bis 2002 gehörte er für die SPD dem Deutschen Bundestag an. 2005 wurde er zum Präsidenten des Internationalen Bundes der Bau- und Holzarbeiter gewählt.

Was heißt das konkret?

Wiesehügel: Für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die hier in Deutschland wohnen und die eine fachliche Ausbildung haben und qualifiziert sind, würde ich gerne höhere Abschlüsse haben. Ich will mich nicht weiter ausbremsen lassen von dem Interesse, lediglich für einen kurzen Zeitraum Arbeitskräfte herzuholen. Wir haben die Entwicklung mit dem Abschluss von Saisonarbeitstarifverträgen ein Stück weit vorgezeichnet. Daran wollen wir weiter arbeiten.

Wird das Thema Saisonarbeit in den Verhandlungen eine Rolle spielen?

Wiesehügel: Ich gehe mal davon aus, ich werde es zumindest ansprechen. Ich weiß nicht, ob die Arbeitgeber auch darüber reden wollen. Ich werde es aber relativ schnell herausfinden.

In welchem Zeitraum wollen Sie die Verhandlungen abschließen?

Wiesehügel: Wir fangen jetzt im Mai an. Spätestens vor den Sommerferien möchte ich den Tarifvertrag fertig haben. Das hängt aber nicht nur von mir ab.

Der Anteil der Lohnarbeitskräfte in der Landwirtschaft hat stetig zugenommen. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Wiesehügel: Das wird so weitergehen. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft setzt sich fort. Größere Einheiten bedeuten einen wachsenden Bedarf an Lohnarbeitskräften. Damit steigt auch die Notwendigkeit für gewerkschaftliche Arbeit. Wir verhehlen ja nicht, dass es im kleinen Familienbetrieb, der vielleicht zeitweise eine oder zwei Arbeitskräfte beschäftigt, für uns kaum Möglichkeiten zu klassischer Gewerkschaftsarbeit gibt. Was anderes ist natürlich in größeren landwirtschaftlichen Betrieben oder in Servicegesellschaften, wo qualifizierte Fachkräfte arbeiten. Diese Leute können wir mit den modernen gewerkschaftlichen Instrumenten auch ansprechen.

Wie erfolgreich waren denn ihre Bemühungen bislang?

Wiesehügel: Ich räume ein, der Organisationsgrad bei den landwirtschaftlichen Arbeitnehmern ist noch nicht so, wie wir uns das vorstellen und wie wir ihn benötigen. Aber wir arbeiten daran und werden immer besser. Mitgliederwerbung erfordert Investitionen.

Investieren Sie ausreichend in diesem Bereich?

Wiesehügel: Zumindest messen wir dem ein hohes Gewicht bei. Wir überlegen derzeit, wie wir unsere Erfahrungen, die wir insgesamt in der Mitgliederwerbung gesammelt haben, in der Landwirtschaft einsetzen können. Wir haben jetzt mehrere Projekte gemacht im Bereich des sogenannten “Organizing”. Das bedeutet, wir schauen uns die Betriebe an und ihr Umfeld und gehen dann auf die Arbeitnehmer zu und überlegen gemeinsam, was wir beitragen könnten, um deren Gesamtsituation zu verbessern. Beispielsweise könnte es darum gehen, betriebliche Veränderungen anzustoßen und ein Stück zu lenken. Daraus entsteht dann im Grunde so etwas, das wir einen aktiven betrieblichen Ansatz nennen. Ich glaube, dass der auch in der Landwirtschaft möglich ist. Das zeigen nicht zuletzt Erfahrungen aus anderen Ländern.

Welchen Anteil hat der grüne Bereich in der Mitgliedschaft der IG BAU, welche Bedeutung in der Arbeit der Gewerkschaft?

Wiesehügel: Der grüne Bereich ist prozentual wesentlich kleiner als seine Bedeutung in der täglichen Arbeit. In der täglichen Arbeit ist die Bedeutung relativ groß, sowohl bei den Mitgliedern als auch bei denen, die Funktionen haben. In der Gesamtmitgliedschaft dominieren natürlich nach wie vor die beiden großen Branchen. Das ist seit jeher der Bau und mittlerweile auch die Gebäudereinigung. Wir sind ja jetzt eine Dienstleistungsgewerkschaft, eine Baugewerkschaft und eine Landwirtschaftsgewerkschaft.

Warum tun Sie sich gerade bei den landwirtschaftlichen Arbeitnehmern in den neuen Ländern so schwer?

Wiesehügel: Das betrifft nicht nur die Landwirtschaft, sondern geht durch alle Branchen. Die Politik in Ostdeutschland hat viele Jahre vorgegeben, unser Wettbewerbsvorteil sind die günstigen Löhne. Das ändert sich mittlerweile, macht es den Gewerkschaften aber nach wie vor schwer, breiter Fuß zu fassen. Der Kampf um die qualifizierten Leute hat schon begonnen und wird weiter zunehmen. Wer meint, hier mit Niedriglöhnen bestehen zu können, wird sehr schnell das Nachsehen haben. Ich bin sicher, dass diese Einsicht auch in der Landwirtschaft wächst. Die Arbeitnehmer werden erkennen, dass dies ohne starke Gewerkschaften nicht zu erreichen ist. Ich bin da ganz zuversichtlich. In der Landwirtschaft geht es nicht mehr ohne hochmoderne Maschinen. Die benötigen nun einmal qualifizierte Menschen, die sie bedienen. Und die bekommt man nur, wenn man sie anständig bezahlt. Sonst gehen die nämlich woanders hin.

Was können die Tarifpartner tun, um dem Bedarf an qualifizierten Arbeitnehmern gerecht zu werden?

Wiesehügel: Einerseits müssen wir attraktive Bedingungen schaffen und den Leuten ein gutes Einkommen bieten. Andererseits müssen beide Seiten den Stellenwert dieses Themas erkennen und zur Einsicht gelangen, dass wir da was tun müssen. Es gab ja in der Vergangenheit mit dem gemeinsamen Qualifizierungsfonds gute Erfahrungen. Darauf gilt es aufzubauen und gemeinsam Qualifizierungsmaßnahmen zu entwickeln. Wir haben Mittel zur Verfügung wie keine andere Branche. Dafür müssen wir auch zusätzlich gemeinsam staatliche Fördermittel sinnvoll einsetzen. Nicht zuletzt muss das Thema Qualifizierung bei der anstehenden Reform der europäischen Agrarpolitik eine Rolle spielen. Nur wenn wir alle Chancen und Mittel nutzen, werden wir zu guten Ergebnissen kommen. Dafür brauchen wir eine gute Zusammenarbeit der Tarifpartner.

Wo wollen Sie ansetzen?

Wiesehügel: Wir haben mittlerweile ganz viele Arbeitnehmer, die nicht mit einem bäuerlichen Betrieb ein Beschäftigungsverhältnis haben, sondern in mittleren und großen Landwirtschaftsbetrieben oder einer Servicegesellschaft. Diese Betriebe haben die notwendige Größe für die Durchführung einer betrieblichen Qualifizierung. Vielleicht gibt es auch Möglichkeiten, die Landtechnikindustrie ins Boot zu holen. Darüber müssen wir sprechen.

Im nächsten Jahr wird die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Polen in der EU umgesetzt. Was heißt das für Ihre Arbeit?

Wiesehügel: Das kommt natürlich unserer Forderung nach höheren Löhnen für die Saisonbeschäftigten entgegen. Die Hartleibigkeit einiger Arbeitgeber in diesem Bereich hat wesentlich dazu beigetragen, dass immer weniger polnische Erntehelfer nach Deutschland kommen. Wir brauchen weiter Saisonarbeiter in der Landwirtschaft. Das steht außer Frage. Aber diese Arbeitnehmer werden wir in Zukunft nicht mehr für Billiglöhne bekommen. Die Realität holt uns auch hier ein. Es macht überhaupt keinen Sinn, einen Tarifvertrag abzuschließen, der ganz niedrig ist und dafür kriege ich nachher keine Leute. Ich habe daher nicht die Sorge, dass wir ab 2011 zu viele Saisonbeschäftigte, vor allem aus Polen oder anderen EU-Ländern, haben werden. Eher schon ist zu befürchten, dass immer mehr Arbeitnehmer aus Nicht-EU-Ländern auf den hiesigen Markt drängen und das Lohnniveau drücken. Hier müssen wir sehr restriktiv vorgehen.

Europaweit nimmt der Anteil der Wanderarbeiter zu. Ist denn eine nationale Gewerkschaft dafür der richtige Ansprechpartner für diese Arbeitnehmer, um deren Rechte wahrzunehmen?

Wiesehügel: Natürlich wäre es wünschenswert, wir hätten eine grenzüberscheitende Interessenvertretung. Alle bisherigen Erfahrungen nicht zuletzt im Baubereich zeigen jedoch, dass dies sehr schwierig umzusetzen ist. Bessere Erfahrungen gibt es in der Landwirtschaft. Hier verbindet uns eine enge Zusammenarbeit mit den europäischen Landarbeitergewerkschaften. Diese werden wir fortführen und möglichst noch intensiveren. Auf europäischer Ebene verfügen wir mit der Föderation der Landarbeitergewerkschaften (EFFAT) über eine länderübergreifende Institution. Doch auch hier sehen wir, wie zäh der Abstimmungsprozess in vielen Fragen läuft und dass Fortschritte mühsamer Kleinarbeit bedürfen. Dies gilt insbesondere für Abkommen zwischen einzelnen nationalen Gewerkschaften. Es ist ausgesprochen mühsam, aber wir kommen voran, auch wenn wir schon Lichtjahre weiter sein müssten. Dennoch bleibt die Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit eine große Herausforderung, der wir uns weiter stellen müssen, aber es wird uns gelingen.

Die Reform der europäischen Agrarpolitik steht nach 2013 an. Dabei geht es insbesondere ums Geld. Sind Sie dafür, das Agrarbudget auf dem derzeitigen Niveau zu halten?

Wiesehügel: Ich denke nicht, dass es Spielraum für größere Kürzungen im Agrarhaushalt gibt. Wenn sich Europa eine Landwirtschaft leisten will, die die Bevölkerung weitgehend selbst versorgt, und dafür bin ich, geht dies nicht ohne staatliche Unterstützung. Das sagen alle vorliegenden Analysen. Gleichzeitig wollen wir eine bestimmte Form von Landwirtschaft, die Leistungen erbringt, die von der Gesellschaft erwartet werden. Auch das kostet Geld. Unter dem Strich sehe ich also nicht, wo es größere Einschnitte geben könnte. Ich bin aber sehr wohl dafür, das Geld zielgerichtet und möglichst nicht mit der Gießkanne zu verteilen und dabei nicht auch diejenigen zu bedenken, für die die Förderung gar nicht gedacht ist, etwa die Hersteller von Gummibärchen. Das Prinzip muss lauten: Geld für Leistung, die soziale und ökologische Kriterien berücksichtigt, und nicht pauschale Alimentierung.

Wenn Sie Mittel nach Bedürftigkeit verteilen wollen, sollten Großbetriebe in der Landwirtschaft künftig weniger erhalten?

Wiesehügel: Nein. Zumindest muss ausgeschlossen werden, dass dies zu Lasten der Beschäftigten geht. Eine Politik, die den Abbau von Arbeitskräften forciert, wird auf unseren erbitterten Widerstand stoßen.

Plädieren Sie für eine Bindung der Direktzahlungen an die Arbeitskräfte?

Wiesehügel: Ich wäre sofort dafür, wenn dies mit einem halbwegs vertretbaren Aufwand zu realisieren wäre. Wir werden eine sozialere Verantwortung bei der Verwendung von Fördermitteln einfordern.

Sie äußern sich sehr oft zu internationalen Fragen, zuletzt zum anstehenden Freihandelsabkommen der EU mit Kolumbien. Warum ist Ihnen dieser Bereich so wichtig?

Wiesehügel: Das gehört nach meinem Verständnis zum Wesen der Gewerkschaftsarbeit, denn Solidarität hat keine nationalen Grenzen. Es gibt kein Land in der Welt, in dem Gewerkschafter so häufig den gewaltsamen Tod erleiden müssen wie in Kolumbien. Da kann es nicht sein, dass die EU dies ignoriert und dessen ungeachtet ein Freihandelsabkommen schließt. Wir treten für die Rechte von Arbeitnehmern und die Freiheit der Gewerkschaften ein, und zwar weltweit und unter fairen Bedingungen. Wir werden unsere Stimme immer erheben, wenn wir diese verletzt sehen. Warum wird die Agrarsoziale Gesellschaft gebraucht? Wiesehügel: Ich halte eine gemeinsame Plattform wie die ASG für unverzichtbar. Sie bietet hervorragende Möglichkeiten für alle, die Belange des ländlichen Raumes vertreten, sich auszutauschen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Wenn es die ASG nicht gäbe, müsste sie schleunigst erfunden werden.

Interview: Rainer Münch