Mehr Transparenz in der beruflichen Bildung

Landwirtschaftsschüler

Landwirtschaftsschule im dänischen Graasten

Gewerkschafter aus acht Ländern haben sich unter der Federführung der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) in dem zweijährigen Projekt „Agri-Trans“ mit der aktuellen und zukünftigen Situation der beruflichen Bildung in Europa auseinandergesetzt und am Beispiel Tierwirt (Schweinehaltung) Empfehlungen für eine zukunftsfähige Aus- und Weiterbildung erarbeitet. Gleichzeitig haben sie in ihren Organisationen über die Projektergebnisse berichtet und die jeweiligen Rückmeldungen bzw. Kommentare ihrer Mitglieder wieder in das Projekt eingebracht. Beteiligt waren Arbeitnehmervertreter und -vertreterinnen aus Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Polen, Rumänien und Spanien sowie die European Federation of Food, Agriculture and Tourism (EFFAT).

Unterschiedliche Systeme – gemeinsames Ziel

"Das Projekt Agri-Trans ist ein wichtiger Beitrag zu mehr Transparenz in der beruflichen Bildung. Es hilft uns Arbeitnehmern, stärker am europäischen Prozess teilzuhaben, und ich hoffe, dass es weitergeführt wird." Dieser Aussage eines Teilnehmers stimmten die anderen Anwesenden während der Abschlusskonferenz des Projektes ohne Ausnahme zu. Über zwei Jahre lang hatten sie sich mit den Aus- und Weiterbildungsbedingungen der Landwirtschaft in ihren Heimatländern auseinandergesetzt, die Bedingungen in den beteiligten Ländern miteinander verglichen, nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden gesucht und über die zukünftigen Herausforderungen in einem gemeinsamen Europa diskutiert. Zum Abschluss wurden die gemeinsam erarbeiteten Empfehlungen präsentiert, die nun den zuständigen nationalen und europäischen Entscheidungsträgern vorgestellt werden sollen.

Seminarteilnehmer

Projektteilnehmer durften selbst die Schulbank drücken

Im Mittelpunkt des Projektes stand die Verbreitung des „Agripass“ und des Registers landwirtschaftlicher Berufe und damit die Transparenz und Vergleichbarkeit der beruflichen Bildung im Hinblick auf nationale Berufsperspektiven und eine erhöhte Mobilität im europäischen Raum. Dabei war der Fokus vor allem auf die Chancen für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, aber auch die bestehenden Defizite des europäischen Bildungsprozesses gerichtet. So betonte der Initiator und Leiter des Projektes Holger Bartels (IG BAU), dem die zukunftsfähige breite Qualifizierung der in der Landwirtschaft Beschäftigten stark am Herzen liegt: „Auch wenn die Schweinebetriebe in Europa immer größer und Arbeitsprozesse immer kleinteiliger und spezialisierter werden, müssen wir sicherstellen, dass Auszubildende eine breite Grundqualifizierung in vielen Gebieten erhalten, vom Abferkeln bis hin zur Bedienung hochkomplexer Futteranlagen. Darüber hinaus muss ihnen die Möglichkeit lebenslangen Lernens geboten werden, für ihre persönliche Entwicklung, aber auch, um den Veränderungen auf dem europäischen Arbeitsmarkt gewachsen zu sein.“

Mit besserer Bildung nach vorn

Spätestens mit der Lissabon-Strategie ist die Europäische Union (EU) angetreten, zur führenden Wirtschaftsmacht der Welt zu werden. Ein zentraler Baustein bei diesem Vorhaben sollte und soll die Bildung sein. Unter dem Leitbegriff „Lebenslanges Lernen“ wurde ein Europäischer Qualifikationsrahmen (EQR) entwickelt, der alle erlernten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen erfasst und in einem achtstufigen Raster darstellt. Dieser EQR soll die Vergleichbarkeit erlernter Qualifikationen erleichtern und somit die Mobilität in Europa erhöhen. Wesentlich sind hierbei nicht mehr die Ausbildungswege, sondern die erlernten Fähigkeiten. Parallel dazu wurde der „Europass“ entwickelt, mit dem Arbeitnehmer ihre erworbenen Qualifikationen nachweisen können. Auch wenn das ehrgeizige Ziel des führenden Wirtschaftsraums in der neuen Strategie Europa 2020 so nicht mehr auftaucht, bleibt Bildung doch ein Schlüssel in der Weiterentwicklung der EU.

Vereinfachte Instrumente präsentiert

Für die Landwirtschaft haben die europäischen Sozialpartner EFFAT und GEOPA sehr schnell herausgefunden, dass die genannten Instrumente für ihren Sektor vereinfacht werden müssen. Aus diesem Grund wurden die Instrumente „Agripass“ (ein vereinfachter Europass) und das „Register landwirtschaftlicher Berufe“ (Übersicht über Berufe und notwendige Kompetenzen) entwickelt. Grundlage hierfür bildete die Europäische sozialpartnerschaftliche Vereinbarung über die berufliche Bildung in der Landwirtschaft, die bereits 2002 verabschiedet wurde.

Betriebsbesichtigung

Im Ausbildungsbetrieb

Mit dem Projekt „Agri-Trans” wurden diese Instrumente in den Partnerländern bekannt gemacht und verbreitet sowie für ihre Nutzung geworben. Angesichts der vielfältigen Berufsbilder und Qualifikationen ist dies beispielhaft am Berufsbild Tierwirt (Schweinehaltung) geschehen. In mehreren Projektphasen haben die Teilnehmer sich mit den jeweiligen Ausbildungsbedingungen auseinandergesetzt, die nationalen Besonderheiten und Unterschiede herausgearbeitet, um sich zunächst einen Überblick über die aus und Weiterbildungssituation in Europa zu verschaffen.

Anforderungen und Empfehlungen

In vier regionalen Konferenzen wurden die Ausbildungssysteme verglichen und Anforderungen für die zukünftige Entwicklung eruiert. Sehr schnell zeigte sich, dass eine wesentliche Voraussetzung für eine höhere Transparenz die genaue Kenntnis der unterschiedlichen Berufsbildungssysteme in Europa ist. Nur so lassen sich Missverständnisse vermeiden, kann mit der gleichen Sprache und einer gemeinsamen Zielsetzung gesprochen werden. Auch die Orientierung auf Lernergebnisse in der europäischen Bildungsdiskussion verlangt ein gemeinsames Verständnis über die einzelnen Sachfragen.

Die Ergebnisse der regionalen Konferenzen wurden auf einem Expertenworkshop zur Diskussion gestellt. Gemeinsam mit Fachleuten der beruflichen Bildung entwickelten die Projektteilnehmer Empfehlungen für die weitere Entwicklung des Aus- und Weiterbildungssystems in Europa. Hierzu gehört auch, die beiden genannten Instrumente in das System „EURES“ (http://ec.europa.eu/eures/) einzubinden, das allen Arbeitnehmern in Europa zur Verfügung steht, um sich über vorhandene Arbeitsplätze zu informieren und sich um einen Arbeitsplatz zu bewerben. Dies ist bisher leider noch nicht gelungen.

Weiterbildung und Mobilität

In drei „Praxisseminaren“ in Wehnen (Deutschland), Graasten (Dänemark) und Lamballe (Frankreich) erkundeten die Projektteilnehmer die konkreten Ausbildungsbedingungen und sprachen mit Auszubildenden und Ausbildern über ihre Erfahrungen und ihre Erwartungen im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen. Die Ausbildung zum Schweinewirt ist vielseitig und interessant. Allerdings besteht die Gefahr, dass in hoch spezialisierten Betrieben nur noch Teile der Ausbildung genutzt werden können. Von Seiten der Ausbilder wurde das geringe Interesse der Betriebe an regelmäßiger Weiterbildung beklagt, zumal der Bedarf an qualifizierten Kräften in den letzten Jahren gestiegen sei.

Ausbildung

Praktische Ausbildung im Stall

Die Mobilität von Arbeitnehmern in der Schweineproduktion ist zurzeit noch relativ gering. Das liegt neben der Heimatverbundenheit vieler Menschen in den ländlichen Räumen auch an der fehlenden Übersichtlichkeit der vorhandenen und der von den Arbeitgebern in den anderen Ländern erwarteten Qualifikationen, am Wust der Bildungsabschlüsse und der Unkenntnis über die Abläufe in anderen Ländern. Das Projekt Agri-Trans hat sicher dazu beigetragen, dass die Transparenz und Vergleichbarkeit in den Partnerländern zugenommen hat. Die weitere Entwicklung des „Agripass“ und des Registers landwirtschaftlicher Berufe wird ermöglichen, dass sich die Mobilität der Arbeitnehmer erhöhen wird – und das unter Bedingungen, die den Arbeitnehmern ein angemessenes und zukunftsfähiges Arbeiten und Leben erleichtern.

 

Agri-Trans wurde durch das EU-Programm „Leonardo da Vinci“ finanziert. Das Berliner PECO-Institut (www.peco-ev.de) unterstützte die IG BAU bei der Durchführung des Projekts. Es organisiert seit vielen Jahren Dialogprozesse mit dem Schwerpunkt Landwirtschaft im europäischen Raum.

Nähere Informationen zum Projekt einschließlich einzelner Länderberichte finden sich auf der Website des Projektes: www.agripass-online.eu.