Kalifornische Gewerkschaften erkämpfen Regulierung des gefährlichen Aromastoffs Diacetyl

Popcorn

Künstliche Butteraromen machen Popcorn lecker – und gefährlich bei der Herstellung

© tomhope / photocase.com

Das anhaltende Drängen der Gewerkschaften auf eine Regulierung des hochgiftigen Lebensmittel-Aromastoffs Diacetyl hat zur Einführung eines strengen neuen Arbeitsplatzstandards im Staat Kalifornien geführt. Die Initiative Kaliforniens hat nicht zu einem gleichwertigen verbindlichen Standard auf Bundesebene geführt, die Bundesbehörden haben jetzt aber ihre begrenzten, freiwilligen Leitlinien um Diacetylersatzstoffe erweitert, die ebenso tödlich sind. In der EU macht man dagegen weiter wie bisher, und eine Sicherheitsüberprüfung für diese potentiell tödliche Gefahr am Arbeitsplatz ist nicht einmal in Sicht.

Diacetyl (auch als Butanedion und 2,3-Butanedion bezeichnet) ist ein chemischer Stoff, der einzeln oder in Verbindung mit anderen Chemikalien zur Herstellung von künstlichen Geschmacksaromen verwendet wird. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um Aromen für Molkereiprodukte (z.B. Butter, Käse usw.), braune Aromen (z.B. Karamell, Butterscotch, brauner Zucker, Sirup, Kaffeearomen) und einige Obstaromen. Es wird auch in Vanille-, Tee- usw. Aromen verwendet.

Auslöser gefährlicher Lungenkrankheit

Diacetyl ist eindeutig mit der seltenen lähmenden Lungenkrankheit Bronchiolitis obliterans in Zusammenhang gebracht worden, die in den USA jetzt allgemein als „Popcorn-Arbeiter-Lunge” bezeichnet wird, nachdem eine Reihe von Fällen unter Arbeitern und Arbeiterinnen aufgetreten waren, die Mikrowellen-Popcorn mit Butteraroma herstellten, bei dem Diacetyl in relativ hohen Konzentrationen verwendet wird. Oft als Asthma oder Emphysem (fehl)diagnostiziert, unterscheidet sich Bronchiolitis obliterans von diesen Erkrankungen hinsichtlich der Geschwindigkeit, mit der sie die Bronchien, die kleinen Luftröhren der Lunge, zerstört, was zu verminderter Atmungsfähigkeit führt.

Diacetyl

Diacetyl wird schon seit vielen Jahrzehnten als Aromainhaltsstoff in Lebensmitteln verwendet, wird aber allgemein auf dem Produktlabel nur als „künstliches Aroma” oder „künstliches Butteraroma” bezeichnet, wenn es überhaupt genannt wird. Aufgrund unzureichender Regulierungs- und Kennzeichnungsanforderungen ist das volle Ausmaß der globalen Exposition der Arbeiter/innen daher nicht bekannt.

Diacetyl wird in einer großen Vielfalt von Aromastoffen verwendet, die bei der Herstellung von Tiefkühlkost und Snacks (einschließlich Mikrowellen-Popcorn und Kartoffel-/Maischips), Süßwaren, Backwaren, Molkereiprodukten, einschließlich Schmelzkäse, Sauerrahm und Quark, kommerziellen Backmischungen, Glasuren, Salatsoßen, Marinaden, Heimtiernahrung und anderen verarbeiteten Lebensmitteln und Getränken verwendet werden. Nach Schätzungen amerikanischer Wissenschaftler wird Diacetyl bei der Herstellung von rund 6.000 gewerblichen Produkten verwendet.

Gefahr in vielen Küchen

Auch Beschäftigte in Restaurants oder gewerblichen Küchen sind gefährdet, da Diacetyl ein häufiger Inhaltsstoff in Margarinen, Backfett und Speiseölen und Kochsprays ist. Wenn sie zum Kochen erhitzt werden, setzen diese Inhaltsstoffe giftige Dämpfe frei.

Angesichts der zunehmenden Zahl von Beschäftigten in der Lebensmittelindustrie, die der „Popcorn-Lunge” erliegen, drängten in den Vereinigten Staaten die der IUL angeschlossenen Lebensmittelgewerkschaften auf ein Gesetz, das die amerikanische Arbeitsschutzbehörde OSHA dazu verpflichtet hätte, verbindliche Expositionsgrenzwerte für Diacetyl festzulegen und Exposition, Kontrollmaßnahmen und Überwachungsverfahren zu regeln.

Restaurantküche

Der Gesetzentwurf wurde im Kongress blockiert, aber die UFCW in Kalifornien – einem Staat mit rund 20 Lebensmittelaroma-Fabriken sowie einer großen Lebensmittelverarbeitungsindustrie – forderte die staatlichen Behörden in einer Eingabe zum Erlass eines Emergency Temporary Standard (vorläufiger Notstandard) für Diacetyl auf. Ende 2010 reagierte Cal/OSHA mit einem gesetzlich verbindlichen Standard, der die Arbeitgeber dazu verpflichtet, einen regulierten Bereich für jedes Verfahren einzurichten, bei dem Diacetyl verwendet wird, es sei denn, es handelt sich um ein geschlossenes Verfahren. Der Standard schreibt detaillierte Sicherheitsmaßnahmen, einschließlich eines schriftlichen Diacetyl-Kontrollprogramms, strenge Kennzeichnungserfordernisse und eine periodische Überwachung des Expositionsgrads vor. Persönliche Schutzkleidung ist obligatorisch, und es werden verschiedene Arten von Atemgeräten je nach Konzentrationsgrad vorgeschrieben. Der Arbeitgeber hat für Unterweisung und ärztliche Überwachung zu sorgen, die für die Beschäftigten unentgeltlich sind.

Alternative Stoffe kaum besser

Als Reaktion auf die wachsende Zahl von Klagen wegen „Popcorn-Lunge” kündigten einige große Unternehmen lautstark einen Übergang zu „diacetylfreien” Herstellungsverfahren an, einschließlich „diacetylfreien” Mikrowellen-Popcorns. Das Problem ist, dass die häufigeren Diacetyl-Ersatzstoffe chemisch mit Diacetyl verwandt sind und potentiell ähnliche toxische Auswirkungen auf die Lunge haben. Diese umfassen die Chemikalien 2,3-Pentanedion, 2,2-Hexanedion, 2,3-Heptanedion, Azeton und Diacetyl Trimer.

Im Januar 2011 erweiterte die amerikanische OSHA ihr „Nationales Schwerpunktprogramm” und legte Sicherheitsrichtlinien für Mikrowellen-Popcorn-Fabriken unter Einschluss dieser Diacetyl-Ersatzstoffe fest. Doch schreiben weder dieses Programm noch die Vorschriften über Lebensmittel-Aromastoffe zulässige Expositionsgrenzwerte vor, und sie sind auch keine rechtlich verbindlichen Standards.

Im Rahmen des Nationalen Schwerpunktprogramms unterhält die Regierung wenigsten ein Verzeichnis von Mikrowellen-Popcorn-Fabriken, in denen die Beschäftigten potentiell gefährdet sind. In der EU räumen die Regulierungs- und Sicherheitsstellen und die Branchenverbände zwar ein, dass Diacetyl in der Lebensmittelverarbeitung und Aromenherstellung umfassend verwendet wird, sie haben aber nie Informationen über das Wo und Wie der Verwendung der Chemikalie, die Größe der exponierten Bevölkerung oder Einzelheiten der Gesundheitsüberwachung oder der Erforschung der Diacetyl-Belastung als betriebliches Gesundheits- und Sicherheitsproblem veröffentlicht.

EU macht einfach weiter wie bisher

Die EU-Arbeitsschutzrichtlinien setzen derzeit keine Expositionsgrenzwerte für Diacetyl fest, das hinsichtlich der Inhalation und anderer Formen der Exposition bei Herstellungsverfahren nie evaluiert worden ist. Die EU-Rechtsvorschriften über Lebensmittel-Aromastoffe schreiben keine maximalen Verwendungsmengen vor und geben keine Lebensmittelkategorien an, die Aromastoffe enthalten dürfen. In einem Briefwechsel mit der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit teilte die Behörde vor kurzem mit, dass Diacetyl als sicher eingestuft worden sei, dass keine neue Evaluierung durchgeführt werde und auch keine neue Evaluierung geplant sei und dass eine solche Evaluierung nicht unter ihr Mandat falle, das auf orale statt inhalatorische Expositionen beschränkt sei.

Diese regulatorische Untätigkeit angesichts eines bekannten Arbeitsplatz-Killers steht in scharfem Gegensatz zur Einführung eines verbindlichen Standards in Kalifornien.

» Zur neuesten IUL-Diacetyl-Gesundheits- und Sicherheitswarnung (in Englisch), die umfassende Hintergrundinformationen und Vorschläge für Regulierungsmaßnahmen bietet.

(Artikel veröffentlicht von der Internationalen Union der Lebensmittel-, Landwirtschafts-, Hotel-, Restaurant-, Catering-, Tabak- und anverwandter Arbeitnehmerverbände IUF / UITA / IUL: cms.iuf.org)