Green Jobs – Vom Jobkiller zum Jobknüller

Gebäudesanierung

Gebäudesanierung schafft Arbeitsplätze

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Es scheint, dass umweltverträgliche Tätigkeiten immer wieder dann zur Heilslösung aufleben, wenn herkömmliche Wirtschaftsmechanismen und Arbeitsmarktpolitiken nicht mehr weiterhelfen. So ist auch die „Grüne Wirtschaft” mit den „grünen Arbeitsplätzen” nunmehr der Hoffnungsträger, der einen Weg aus der Krise und der weltweiten Armut weisen soll.

Das Herzstück vieler Konjunkturprogramme waren „Grüne Arbeitsplätze” und „grünes Wachstum”, um den Weg aus der Wirtschaftskrise zu weisen. Investitionen in Energieeffizienz oder Erneuerbare Energien haben in einer kurzen Zeit mehr Arbeitsplätze generiert als traditionelle Berufe. Allein das Gebäudesanierungsprogramm hat in Deutschland 300.000 Arbeitsplätze erhalten beziehungsweise geschaffen. Gleichzeitig wurden 1,5 Millionen Tonnen CO2 dauerhaft vermieden und der Staatshaushalt wurde dadurch mit zusätzlichen Steuer- und Beitragseinnahmen versorgt.

Green Jobs als Zeichen einer nachhaltigen Wirtschaft?

Der Begriff „Grüne Arbeitsplätze” ist zu einer Art Wahrzeichen einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft geworden. Grüne Arbeitsplätze versprechen, dass folgende zwei eng miteinander verknüpfte Herausforderungen gemeistert werden: Den Klimawandel beherrschbarer machen, menschenwürdige Arbeit bereitstellen und damit die Aussicht auf Wohlstand für alle generieren, ohne dabei die Lebensgrundlagen der Erde überzustrapazieren.

Dicke Luft

Umweltzerstörung und Klimawandel verschärfen auch ökonomische und soziale Probleme

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Umweltzerstörung und die Ignoranz gegenüber Grenzen natürlicher Ökosysteme stellen eine der größten Bedrohungen für soziale und wirtschaftliche
Entwicklung dar. Die daraus entstehenden ökologischen und gesundheitlichen Kosten überwiegen die Gewinne wirtschaftlicher Aktivitäten. Schon bestehende Missstände werden durch den Klimawandel verschärft und zu einem ernsthaften Problem in verschiedensten wirtschaftlichen und sozialen Sektoren weltweit führen.

Weltweit steigt die soziale Ungerechtigkeit

Die sozialen Herausforderungen sind nicht weniger überwältigend. Weltweit steigen Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit. Ebenso steigt das Risiko prekärer Beschäftigungsverhältnisse und Armut trotz Beschäftigung. Hinzu kommt, dass eine halbe Milliarde junger Menschen in diesem Jahrzehnt auf Arbeitssuche sein werden.

Arbeitsmärkte sind nicht nur für Produktion und Generierung von Wohlstand bedeutsam, sondern auch für dessen Verteilung. Daneben spielt Arbeit eine fundamentale Rolle für Gesellschaften, für Familien, um sich Identitäten aufzubauen und zu gesellschaftlichen Prozessen beizutragen, also auch daran teilzuhaben. Beschäftigung und menschenwürdige Arbeit sind die Grundlage für sozialen Zusammenhalt und Stabilität. Denn nur auf dem Fundament einer sozial gerechten Gesellschaft lassen sich die ökologischen Herausforderungen bewältigen.

Klimawandel und der Arbeitsmarkt

Die Zusammenhänge zwischen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekten werden anhand des Klimawandels gut deutlich. Welche massiven
Auswirkungen Naturereignisse auf sozioökonomische Strukturen haben können, zeigt der Hurrikan Katrina, der in der Region um New Orleans sprichwörtlich 40.000 Arbeitsplätze platt gemacht hat. Bis heute hat sich die Lage nur bedingt verbessert. Auch in Japan wird deutlich, wenn auch nicht klimabedingt, wie der Tsunami die betroffene Region um Jahrzehnte zurückgeworfen hat, indem sämtliche Infrastruktur zerstört und Sektoren wie die versalzenden landwirtschaftlichen Nutzflächen auf Jahrzehnte nicht mehr nutzbar sind.

Nicht nur Umweltveränderungen, sondern auch die Antworten darauf in Form von politischen Entscheidungen, haben Auswirkungen auf Produktions-
und Wirtschaftsweisen und damit auch auf Beschäftigung. Im Rahmen des geforderten Strukturwandels hin zu einer emissionsarmen Gesellschaft wird die Verbindung von Umwelt und wirtschaftlicher Entwicklung immer mehr als win-win-Situation gefeiert. Die soziale Dimension nachhaltiger Entwicklung, ganz besonders ihre Auswirkung auf Beschäftigung, erhält wenig Aufmerksamkeit. Das gilt sowohl für die internationalen als auch die nationalen Diskussionen.

Vielmehr werden Sozialthemen und damit verbundene Akteure wie Gewerkschaften eher als Bremser für ambitionierte Umweltziele gesehen, sind doch einige Gewerkschaften und politische Entscheidungsträger zögerlich, wenn sie Beschäftigung als Totschlagargument nutzen, um keine klaren Zusagen zu Emissionsminderungen beziehungsweise. Umweltschutz zu treffen, da damit Wettbewerbsnachteile entstehen können.

Auch in einer emissionsarmen Gesellschaft gibt es Verlierer

Allerdings kann man ihnen auch nicht absprechen, dass sie teilweise auch Recht damit haben. Denn bei der Beschwörung des Jobwunders „Grüne Arbeitsplätze” wird verschwiegen, dass es auch Verlierer einer emissionsarmen Gesellschaft geben wird. Während Sektoren wie öffentlicher Verkehr, erneuerbare Energien, Abfall und Recyclingindustrien davon profitieren, sind wiederum Sektoren, die auf fossile Energieträger oder energieintensive Produktion angewiesen sind, negativ betroffen.

Farmer

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Darüber hinaus sind viele wirtschaftliche Bereiche ganz unabhängig von umweltbedingten Umstrukturierungsprozessen bereits von großen
Veränderungen und Arbeitsplatzverlusten betroffen. Dazu gehören steigende Automatisierung, Outsourcing, Produktionsverlagerung und andere.
Obendrein wurde Produktivität vornehmlich auf dem Rücken von Arbeitnehmern gesteigert. Denn während die Arbeitsproduktivität in den letzten Jahrzehnten um 270 Prozent gesteigert wurde, verbesserte sich die Energieeffizienz im gleichen Zeitraum um nur 20 Prozent und die Materialproduktivität um 80 Prozent. Diese Situation entschuldigt nicht klimapolitische Effekte auf Beschäftigung, sondern hilft zu verstehen, welchen Schwierigkeiten manche Regionen, Industrien und Menschen bereits gegenüberstehen. Finanz-, Wirtschafts- und Ernährungskrisen verschärfen diese Konstellation noch. Umwelt- beziehungsweise Klimapolitiken werden häufig als weitere Bürde empfunden.

Der Bedarf, den Wandel zu einer umweltverträglichen Wirtschaftsweise auf eine faire Art und Weise zu gestalten, ist also hoch. Ohne entsprechende
Politikansätze würde eine grüne Wirtschaft kaum als nachhaltig gelten können. Grüne Arbeitsplätze würden ein Nischenphänomen bleiben. Der Soziale Dialog ist die Plattform, auf der die sozialen Spannungen thematisiert und die Kosten für ein Nachhaltiges System gerecht verteilt werden könnten. Betroffene brauchen Übergangsstufenmodelle, adäquate soziale Absicherung und Zugang zu alternativen Einkommensquellen. Um- und Weiterqualifizierungen und die stärkere Integration von Umweltaspekten in bestehende Ausbildungspläne spielen hier eine bedeutende Rolle. Denn in vielen Branchen fehlen die Fachkräfte, um entsprechende Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. So können derzeit etwa ein Drittel der wirtschaftlich lohnenden Energieeinsparpotenziale im Gebäudebestand in Deutschland nicht ausgeschöpft werden, da es an qualifizierten Fachkräften fehlt, um die Sanierung optimal zu planen und umzusetzen.

Es hilft also nicht, die Wirtschaft in gute und böse Sektoren zu unterteilen, oder die von der Umstrukturierung negativ betroffenen Menschen
schulterzuckend in überheblicher Öko-Manier einem vergangenen Zeitalter zuzuordnen. Nur wenn die Ängste ernst genommen werden, können Menschen gewonnen werden, den enormen Schritt der Umstrukturierung zu einer nachhaltigen Wirtschaft mitzutragen und nicht überrollt zu werden. Wenn die Menschen nicht Teil der Lösung sind, werden sie zum Problem für die Umwelt und die Generationengerechtigkeit im System der Nachhaltigen Entwicklung.

Green Jobs sind nicht per se arbeitnehmerfreundlich

Grüne Arbeitsplätze an sich sind noch kein Mehrwert für eine nachhaltige Gesellschaft. Denn Arbeit, die für die Umwelt gut ist, ist längst noch nicht auch für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gut. Die Gewerkschaften mahnen hier seit Jahrzehnten auf eine enge Verbindung von sozialen und ökologischen Punkten. Auch Beschäftigte im Bereich ökologischer Landwirtschaft haben sicher eine bessere CO2-Bilanz vorzuweisen, sind aber nicht per se angemessen entlohnt und arbeiten unter sichereren Arbeitsbedingungen als Beschäftigte in einer Landwirtschaft, die höhere Klima-Emissionen produziert.

Schafschur

Grüne Jobs sind nicht gleich gute Jobs

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Folglich müssen „grüne Arbeitsplätze” weiter gedacht werden, um zur Nachhaltigkeit beizutragen. Ein grüner und menschenwürdiger Arbeitsplatz müsste also ein Arbeitsplatz sein, der Umwelt schützt und Methoden nutzt, die so ressourcenschonend und materialeffizient wie möglich sind. Darüber hinaus müssen sie Arbeitsrechte garantieren, tariflich gesicherte, faire Entlohnung bieten, Beteiligungsrechte sichern und Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen sicherstellen.

Eine umweltverträgliche Wirtschaft, die nicht auch die Herausforderungen der Arbeitswelt und insbesondere von Beschäftigung in Angriff nimmt, wird
weder schnell politisch durchsetzbar noch von langer Dauer sein. Je mehr soziale Aspekte bei Umweltpolitiken mitgedacht werden und eine stabile soziale Gesellschaft entsteht, umso einfacher ist eine Ökologisierung der Gesellschaft zu ermöglichen.

Holger Bartels

Der Autor ist Abteilungsleiter Agrar und Umwelt bei der IG BAU.

Der Artikel erschien im Rundbrief des Forums Umwelt & Entwicklung. Der gesamte Rundbrief mit weiteren Artikeln zum Thema „Green Economy” ist über die Website des Forum Umwelt & Entwicklung erhältlich.