Biogas – eine gemeinsame Aufgabe?

50 Jahre Sozialer Dialog

Kollegen von 3F und IG BAU auf einer Biogasanlage in Satrup

Kooperationsworkshop zwischen der dänischen 3F und der deutschen IG BAU in Schleswig-Holstein

15 dänische und deutsche Kollegen der 3F und der IG BAU der Region Nord trafen sich vom 16. bis 17. Oktober 2013 in Rendsburg. Es war ein erstes, vom Qualifikationsfonds Schleswig-Holstein finanziertes, grenzüberschreitendes Seminar in der Region zum Thema Erneuerbare Energien in der Landwirtschaft und wie sich beide Gewerkschaften dazu einbringen können.

Beide Regionen sind stark landwirtschaftlich geprägt. Getreide und Tierhaltung sind wichtige Standbeine. Gleichzeitig rückt die Landwirtschaft als Energielieferer von Strom und Wärme in den Fokus.

Und tatsächlich spielt Biogas eine bedeutende Rolle bei der Erreichung der ambitionierten Klimaschutzziele – in beiden Ländern. Während Biogasanlagen bereits seit den 1980ern in Dänemark von Bedeutung sind, steigt die Anzahl der Biogasanlagen in Deutschland erst seit Anfang der 2000er. Durch eine Novelle des EEG (Energieeinspeisegesetz) 2004 wurde die Produktion von Biogas betriebswirtschaftlich interessant.

Hans-Ulrich Martensen, regionaler Biogasbetreiber und Landwirt, gab uns als Regionalleiter des Fachverbands für Biogas einen Überblick über die Vorteile der Biogasproduktion:

  • Es können sowohl Strom und als auch Wärme produziert werden.
  • Es kann nach einer Aufbereitung in den schon bestehenden Erdgasleitungen gespeichert werden.
  • Es entstehen Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze im ländlichen Raum.
  • Landwirte erhalten ein zusätzliches Standbein, das ihnen stetige Einnahmen garantiert.

Bei einer nachmittäglichen Exkursion auf die Biogasanlage ins schlesische Satrup konnten wir uns selbst ein Bild machen. Gemeinsam mit der Gemeinde und dem örtlichen Energieversorger H.N. Clausen werden mit der Biogasanlage ein Holzhackschnitzelheizwerk, ein Wohngebiet, ein Schulzentrum, der Kindergarten, ein Pflegezentrum und im Sommer das Freibad mit Energie versorgt.

Doch wie bei so vielen Themenfeldern des Übergangs zu einer CO2-armen Gesellschaft ist auch die Diskussion um Biogasproduktion nicht nur positiv bilanziert. Während in Dänemark hauptsächlich Reststoffe, v.a. Gülle aus den Schweinebetrieben und Schlachtabfälle, zur Energieerzeugung verwendet werden, war das in Deutschland bisher gesetzlich stark eingeschränkt und man setzte vorwiegend auf Mais. Das führte zu einer Explosion der Maisanbaufläche in Deutschland von 2006 bis 2012 von 1,7 Mio. auf 2,6 Mio. ha. Vielerorts, auch in Schleswig-Holstein, gibt es regelrechte Tumulte in der Bevölkerung, die die „Vermaisung“ des Landschaftsbilds und den lauten Schlepperverkehr in ihren Dörfern nicht gutheißen. Durch die überhöhte Düngung durch die Verbindung von Maisanbau für Biogas und Ausbringung der Gülle aus intensiver Tierhaltung liegt auch die Nitratbelastung des Grundwassers in vielen Regionen über den erlaubten Grenzwerten von 50mg pro Liter.

Wegen ihrer enormen Bedeutung für die Satruper Energieversorgung akzeptiert die Satruper Bevölkerung den erhöhten Maisanabau in der Region für die Biogasanlage. Allerdings wehrte sie sich gegen die Errichtung von weiteren Schweinemastställen, die ebenfalls viel Mais für ihre Futtermittel benötigen.

Biogasanlage

Ein Lohnunternehmen bringt Maissilage auf die Biogasanlage Satrup

Zudem kommt es zunehmend zu Flächenkonkurrenzen. Trotz der Wiedernutzbarmachung von stillgelegten Flächen steigen die Bodenpreise, da sowohl Biogasanlagen als auch Tierhaltung Mais benötigen. Das bringt vor allem kleinere landwirtschaftliche Betriebe in die Bredouille. Denn diese können sich das Pachten von Flächen nicht mehr leisten. Die Lösung der deutschen Biogasanlagenbetreiber in Schleswig-Holstein ist oft, ins nahegelegene Dänemark auszuweichen, wo sie entweder Mais zukaufen oder selbst Land pachten. Das wiederum, so berichten die dänischen Kollegen Kim Christiansen und Jesper Lund-Larsen, führt zu politischen Diskussionen in Dänemark. Stark auf Schweinhaltung ausgerichtet, brauchen die dänischen Betriebe ebenfalls Mais. Der geht aber nach Deutschland, wo besser gezahlt wird.

Doch wo sind nun die Handlungsfelder für 3F und die IG BAU? Die Lärmbelästigung auf den Dorfstraßen? Schon geregelt, da diese großen Schlepper nur noch 30km/h fahren dürfen. Die Regulierung der Bodenpreise? Eher nicht. Den Schutz der Wasserqualität? Schon eher, aber hier macht der NaBu bereits gute Arbeit, die wir als IG BAU unterstützen. Denn die Verantwortung für unsere natürlichen Lebensgrundlagen ist auch eine gewerkschaftliche Aufgabe.

Aber werfen wir einen Blick auf die Arbeitswelt. 2013 waren rund 42.000 Menschen in der deutschen Biogasproduktion beschäftigt. Das hören wir als Gewerkschaft natürlich gern. Diese sind zum einen bei den Biogasbetreibern angesiedelt. Vor allem aber sind sie in den Lohnunternehmen zu finden, die für die Bauern den Mais einfahren sowie bei den Firmen, die die Biogasanlagen aufbauen und warten.

In Dänemark wie auch in Deutschland sind es vor allem Maschinenbauer, Anlagenmechaniker, Elektroniker, die auf den größeren Biogasanlagen arbeiten. Ein Unterschied zu Dänemark besteht aber darin, dass es in Deutschland viele Kleinanlagen gibt, die dem Bauern als zusätzliches Standbein dienen und von den Landwirten selbst oder seinen Beschäftigten, die eine landwirtschaftliche Ausbildung haben, bedient werden. Zwar gibt es zahlreiche Schulungsangebote, doch eine Qualifikation für den Bau und Betrieb der Biogasanlagen war, gerade für solche Kleinanlagen, bisher nicht verpflichtend. So kommt es im stressigen Alltagsbetrieb immer wieder zu Unfällen, mit negativen Konsequenzen für Mensch und Umwelt. 80 % der Anlagen weisen Sicherheitsmängel auf, so die Kommission für Anlagensicherheit des Bundesumweltministeriums.

Entsprechend fordert die IG BAU einen Sachkundenachweis für jeden/jede, der/die eine Anlage bedient, sowie die Integration des Themas in die landwirtschaftliche Erstausbildung. Dieser Sachkundenachweis muss von einer unabhängigen Prüfungsstelle anerkannt werden. In Dänemark gibt es kaum kleine Anlagen und damit auch weniger Probleme im Bereich Qualifikation und Sicherheitsstandards.

Dort wiederum ist 3F intensiv in der Weiterentwicklung von Biomassenutzung engagiert. So haben die Kollegen der IG BAU gelernt, dass auch Plastikstoffe aus Biomasseverarbeitungsprozessen gewonnen werden können. Darin steckt großes Arbeitsplatzpotential, was wichtig für den ländlichen Raum ist.

Am Ende der anderthalb Tage waren sich deutsche und dänische Kollegen einig: Der Austausch hat gezeigt, dass die Bedingungen für die Biogasproduktion in beiden Ländern unterschiedlich sind. In Deutschland findet ein Prozess statt, der in Dänemark bereits viel weiter fortgeschritten ist. Vor allem hat das Treffen dazu geführt, dass sich die regionalen Vertreter beider Gewerkschaften kennenlernen. Und das wiederum ist eine wichtige Basis für zukünftige Zusammenarbeit in einer europäischen Grenzregion, wo es mittlerweile Alltag ist, dass vor allem deutsche Kollegen in dänischen landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten.