Bioenergie nur nachhaltig und Umwelt schonend

Biogasanlage

© Frank Walensky-Schweppe

Die Fachgruppe Landwirtschaft, ländliche Entwicklung, Umweltschutz im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) erarbeitet unter Mitwirkung von Hans-Joachim Wilms eine Stellungnahme zum Thema „Klimawandel und Landwirtschaft in Europa“. Im Oktober vergangen Jahres hatte die französische Ratspräsidentschaft das Gremium aufgefordert, sich mit dem Thema zu befassen. Dabei wurde explizit darum gebeten, auf die Biokraftstoffproblematik einzugehen. Der EWSA zeigt sich in dem Dokument besorgt über die negativen Auswirkungen, die vom Klimawandel auf die europäische Landwirtschaft und auf die Arbeitsplätze vieler ländlicher Räume ausgehen werden.

Für eine durchdachte Biomassestrategie

Die derzeit erkennbare EU-Biokraftstoffstrategie jedoch, die stark auf den Import von landwirtschaftlichen Rohstoffen ausgerichtet sein wird, bewertet der EWSA nicht als geeignetes Mittel, um auf wirtschaftlich effektive Weise gleichzeitig Klimaschutzziele zu verwirklichen und innerhalb der Landwirtschaft neue Arbeitsplätze zu schaffen sowie zusätzliche Einkommen zu erzeugen.

Vielmehr sollte aus der Sicht des EWSA anstelle dieser Biokraftstoffstrategie eine wohl überlegte Biomassenstrategie entworfen werden, die nicht auf Importe setzt, sondern versucht, wesentlich stärker als bisher landwirtschaftliche Nebenprodukte und Abfälle in nutzbare Energie umzuwandeln. Den Landwirten müsste eine aktive Rolle in neu zu organisierenden dezentralen Energiekreisläufen eingeräumt werden.

Zunächst muss das Prinzip gelten, dass die Produktion von Grundnahrungsmitteln Vorrang vor der Energieproduktion haben muss. Es darf nicht angehen, dass Menschen auf unserem Planeten Hunger leiden müssen, während andere sich den „Luxus“ leisten, den Tank ihrer Autos mit Biokraftstoff zu füllen. Wichtig ist außerdem, dass für den Energiepflanzenanbau keine Flächen in Anspruch genommen werden, die aktuell entweder hohe Kohlenstoffspeicher sind oder für die Biodiversität zentrale Bedeutung haben.

Arbeitsplätze – ein zentrales Thema

Arbeitsplätze sind ein zentrales Thema in der Stellungnahme. Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Arbeitgeber in der EU. Die Kommission erwartet bis zum Jahr 2014 einen Rückgang der Beschäftigung in der Landwirtschaft (als Vollzeitäquivalent) von derzeit 10 Millionen um 4 bis 6 Millionen Beschäftigte (2 Millionen in der EU-15, 1 bis 2 Millionen in der EU-10 und 1 bis 2 Millionen in Rumänien und Bulgarien.

Mittlerweile wird allerdings für viele europäische Länder ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in der Landwirtschaft prognostiziert, speziell für solche Kräfte, die in der Lage sind, in Unternehmen führende Funktionen einzunehmen oder die komplizierte Technik in den Betrieben zu bedienen.

Bioenergie kann Arbeitsplätze schaffen

Das Potenzial umweltverträglich produzierbarer Biomasse für energetische Zwecke in Europa wurde 2006 in einer Studie der Europäischen Umweltagentur untersucht. Nimmt man Biomasse aus Abfällen (z. B. Hausmüll) und aus der Wald- und Forstwirtschaft hinzu, könnten so im Jahr 2030 15-16 % des prognostizierten Primärenergiebedarfs für die EU-25 produziert werden. Der Beitrag zur Entlastung der Umwelt wäre dabei enorm. Das CO2-Einsparungspotenzial läge bei 400-600 Millionen Tonnen.

Dadurch könnten in den ländlichen Räumen 500 000 bis 600 000 Arbeitsplätze gesichert oder sogar geschaffen werden. Ob und wie viele neue Arbeitsplätze durch die Herstellung von Bioenergien geschaffen werden, hängt von der gewählten Strategie ab. Der wissenschaftliche Beirat des bundesdeutschen Landwirtschaftsministeriums erwartet die größten Arbeitsplatz- und Klimaschutzeffekte, wenn die „Erzeugung von Bioenergie in wärmegeführten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen bzw. Heizanlagen auf Basis von Holzhackschnitzeln sowie auf Basis von Biogas aus Gülle und Reststoffen“ in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn hingegen die Förderung der Bioenergie zu einer Verdrängung der Tierproduktion führt oder wenn – wie erkennbar ist – bei Biokraftstoffen auf Importe gesetzt wird, sind die Beschäftigungssalden in den ländlichen Räumen negativ.

Es gibt positive Beispiele

Dass sich die Erzeugung bestimmter Formen von Bioenergie ökonomisch, ökologisch und sozial auch für die Landwirtschaft und den regionalen Arbeitsmarkt lohnen kann, zeigen bereits existierende Beispiele gelungener Umstellung auf geschlossene Bioenergiekreisläufe. So kann die österreichische Gemeinde Mureck jährlich 15 Millionen Liter Erdöl und 45 000 Tonnen CO2 durch die Umstellung auf Bioenergie einsparen, Güssing (Österreich) oder Jühnde (Deutschland) sind weitere Beispiele, wo regionale Energiekreisläufe aus Biomasse und Altspeiseöl aufgebaut wurden. In diesen Regionen wird bereits heute ein Versorgungsgrad mit erneuerbaren Energien von bis zu 170% erreicht. Zu dieser eindrucksvollen ökologischen Bilanz gesellt sich ein überaus positiver Effekt für den lokalen Arbeitsmarkt, vor allem das Handwerk.

Da zu erwarten ist, dass sich die Einkommens- und Wohlstandsunterschiede zwischen den urbanen Zentren und den ländlichen Räumen in Zukunft weiter vergrößern werden, ist auf die ländlichen Räume beschäftigungspolitisch besonderes Augenmerk zu richten. Die nachhaltige Produktion von Energiepflanzen und deren Umwandlung in Energie kann Arbeitsplätze auf dem Land sichern und schaffen, da die Wertschöpfung in der jeweiligen Region verbleibt. Das Ziel des Klimaschutzes kann nur mit qualifizierten Arbeitskräften erreicht werden. Diese Arbeitskräfte müssen sich durch Qualifizierung und lebenslanges Lernen auf die veränderten Anforderungen einstellen können. Dazu müssen die Unternehmen den geeigneten Rahmen bieten.