Arbeitsschutz in der Landwirtschaft

Schmutzige Schuhe

© Mehmet Ünal

Erfahrungen aus dem EU-Beitrittsland Polen

Welche Erfahrungen haben landwirtschaftliche Betriebe im EU-Beitrittsland Polen bisher mit dem europäischen Arbeitsschutzrecht gesammelt? Darüber informierten sich Praktiker aus Deutschland, Polen und Tschechien im Rahmen des grenzüberschreitenden „Sozialen Dialogs” mit EU-Beitrittsländern im vergangenen Jahr im Gebiet Opole/Oberschlesien. Dazu gehörten Seminare und Betriebsbesichtigungen.

Organisiert wurde das Ganze vom PECO-Institut Berlin. Teilnehmer aus Deutschland waren Arbeitnehmervertreter aus Selbstverwaltungen und technische Aufsichtsbeamte aus landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften Bayerns, Mittel- und Ostdeutschlands; aus Tschechien kamen Arbeitsinspektoren der Gewerkschaften, aus Polen – neben den Vertretern der besuchten Betriebe – Mitarbeiter der polnischen Treuhandanstalt, der zuständigen staatlichen Arbeitsschutzbehörde und Arbeitsschutzinspektoren der polnischen Gewerkschaften ZZPR und Solidarnosc.

Große Betriebe mit modernem Standard

In diesen Regionen gibt es ca. 2 200 landwirtschaftliche Unternehmen mit mehr als fünf Beschäftigten und ca. 100 000 bäuerliche Betriebe. Die besuchten Betriebe waren ehemalige Staatsgüter mit Landwirtschaftsflächen zwischen 6 000 und 11 000 ha, bis zu 470 Beschäftigten, mit einer breit gefächerten Anbaustruktur bei Getreide und Hackfrüchten, mit modernen Stallanlagen für die Rinder- und Schweinehaltung, eigenem Schlachthaus mit EU-Standard und leistungsfähigen Technikbereichen mit bis zu 120 Beschäftigten. Auffallend war die moderne Lagertechnologie für Kartoffeln, Zwiebeln und Getreide. So gibt es z. B in Glubcyce ein Lagerhaus für 25 000 t Kartoffeln; ein Betrieb in Glogowek verfügt über 45 m hohe Getreidesilos mit 50 000 t Lagerkapazität, in denen die gesamte Getreideernte des Jahres 2005 eingelagert ist.

Die polnische Unfallversicherung

Die Betriebe haben langfristige Pachtverträge mit der polnischen Treuhandanstalt, die ein eigenes Ressort für Arbeits- und Gesundheitsschutz, ein gut funktionierendes Unfallmeldesystem und eine aktuelle aussagekräftige Unfallstatistik hat. Alle polnischen Landwirtschaftsbetriebe, die Arbeitnehmer beschäftigen, sind in der staatlichen Unfallversicherung SUS pflichtversichert, die Familienunternehmen bei einer mit dem deutschen LUV System vergleichbaren Anstalt, der KRUS.

Rechtsvorschriften und Überwachung

Die europäischen Rechtsvorschriften zum Arbeits- und Gesundheitsschutz wurden unverändert in polnisches staatliches Recht übernommen. Branchenspezifische Handlungsanleitungen für die Gefährdungsbeurteilung sind dabei die Grundlage für die betriebliche Prävention. Jede sich wiederholende Tätigkeit bzw. jeder Arbeitsplatz ist mit einem Risikofaktor bewertet. Diese Risikobewertung ist Grundlage für betriebliche Arbeitsschutzanweisungen sowie für die Information und Motivierung der Beschäftigten. Die staatliche Arbeitsschutzbehörde kontrolliert, ob und wie die Schutzvorschriften eingehalten werden. Sie wird dabei durch die Sicherheitsfachkräfte der Betriebe und die ehrenamtlichen Sicherheitsinspektoren der polnischen Gewerkschaften unterstützt. In Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten ist der Einsatz von hauptamtlichen Sicherheitsfachkräften zwingend vorgeschrieben. Trotz aller positiven Erfahrungen verläuft die Zusammenarbeit von Geschäftsleitung und Arbeitsschutzinspektoren allerdings nicht immer konfliktlos.

Konkrete Beispiele

Als beispielhafte Aktivitäten im Arbeits- und Gesundheitsschutz wurden u. a. genannt:

  • In jedem Betrieb ist ein Arbeitsmediziner auf Vertragsbasis tätig. Ohne sein ärztliches Attest wird z.B. kein Mitarbeiter für die vorgesehene Beschäftigung eingestellt;
  • turnusmäßige Kontrolluntersuchungen der Beschäftigten erfolgen mindestens einmal in fünf Jahren;
  • Mitarbeiter, die regelmäßig Umgang mit Gefahrstoffen haben, werden jährlich untersucht;
  • bei Arbeitsunfähigkeit von mehr als 30 Tagen erfolgt eine arbeitsmedizinische Kontrolluntersuchung. Dabei soll ermittelt werden, ob die Erkrankung arbeitsbedingt ist;
  • jeder Mitarbeiter in der Tierhaltung hat ein Gesundheitsbuch, in dem alle Erkrankungen erfasst werden.